meine depression & ich

Oct 23, 2016 Berlin, Germany

Achtung: Triggerwarnung!



Depression?
Depression.
De-pres-sion.

egal, wie viel ihr darüber gelesen habt, wen ihr kennt, in welche Schublade ihr diese Krankheit steckt - jeder Mensch fühlt anders. jeder zeigt unterschiedliche Symptome, geht anders damit um & verhält sich seiner Persönlichkeit entsprechend. nur weil ich depressiv bin heisst das noch lange nicht, dass ich sterben will, dass ich ständig traurig bin oder dass man mir ansieht, dass mit mir "etwas nicht stimmt". im Gegenteil. ich bin ein Meister darin diesen Teil von mir gekonnt zu verstecken. oder hättet ihr etwa gewusst, dass ich diese Scheisse schon seit ungefähr 10 Jahren mit mir rumschleppe? wohl kaum.

ich bin nicht jeden Tag am weinen. ich breche nicht regelmässig in der U-Bahn zusammen. ich schaffe es irgendwie morgens aufzustehen, mich zu duschen, mir meine Zähne zu putzen & zur Arbeit zu gehen. & darüber bin ich sehr froh. das kann nämlich nicht jeder von sich behaupten, der Depressionen hat. es sind die kleinen Dinge, die einem das Leben schwer machen. einkaufen, Menschenmassen, telefonieren, sich mit Freunden treffen, das Bett verlassen. Kleinigkeiten, die in der Summe jedoch einen gravierenden Unterschied machen: sie bestimmen dein komplettes Leben. trotz guten Phasen, glücklichen Momenten & Zeiten, in denen man fast vergisst wie krank man tatsächlich ist.

manche Tage fühlen sich gut an. sehr gut sogar. an anderen wartest du eigentlich nur auf den Moment, in dem irgendetwas passiert, das dich triggert. dich aus deinem Rhytmus bringt, dich zu viel nachdenken lässt, dich verunsichert. an denen du den ersten Fuss in die Bahn setzt & anfängst deine Hände in deine Jeans zu krallen, weil dir ohne ersichtlichen Grund plötzlich viel zu heiss ist; an denen du abends nach Hause kommst & dir als allererstes all deine Klamotten wortwörtlich vom Leib reist, weil du das Gefühl hast nicht atmen zu können; an denen du bis spät in die Nacht noch wachliegst, weil du über all deine Fehler nachdenkst; an denen du zwar Lust, aber keine Kraft hast Freunde besuchen zu gehen; an denen du bei Rewe zur Kasse schlenderst & auf einmal Panik bekommst, weil vor dir noch 8 andere an der Reihe sind; an denen du keine Termine ausmachen kannst, weil du nicht weisst, ob es dir an diesem Tag gut oder schlecht geht & du die Ausreden satt hast; an denen du es nicht schaffst ans Telefon zu gehen, geschweigedenn in der Lage bist jemanden anzurufen, obwohl du dir 4 mal überlegt hast was genau du sagen willst; an denen du dir nach der kleinsten Niederlage schlimme Vorwürfe machst, weil du denkst du bist ein fauler Versager; an denen du zu schwach bist dir Essen zu machen & für dich selbst zu sorgen; an denen du während der Arbeit auf der Toilette mit den Tränen kämpfen musst; an denen du später Zuhause verheult in den Spiegel schaust & einfach nur abgrundtief hasst, was dir entgegen blickt; an denen dir Menschen sagen wie stolz sie auf dich sind, dass du dich öffnest & sie deinen Mut bewundern, du aber nichts von all dem an dich ranlässt, weil du nicht sehen kannst was sie sehen - & an denen du gar nichts fühlst. innerlich wie tot bist. nicht lebensmüde, aber müde vom Leben. unfähig irgendetwas zu empfinden. nur Gleichgültigkeit. emotionale Leere.

wegen meiner Krankheit bin ich durch meine letzten Prüfungen gefallen, weil ich nicht einmal daran teilnehmen konnte & dafür nachts mit einem Nervenzusammenbruch bei McDonalds sass. ich kann wegen meinem Zustand nicht viel Koffein oder Nikotin zu mir nehmen, weil ich nie weiss, ob es der Wirkstoff ist, der mein Herz zum Rasen bringt oder eine Panikattacke. ich habe Monate lang so viel geweint, dass die Person, mit der ich zu dem Zeitpunkt am meisten zu tun hatte, gemeint hat sie lässt es absolut kalt, wenn ich mal wieder schluchzend vor ihr stehe. ich war wegen meiner psychischen Gesundheit kurz davor mich diesen Sommer selbst einzuweisen, weil ich einfach nicht mehr konnte.

ich kann nicht mal mehr an zwei Händen abzählen, wie oft ich am Telefon in Tränen ausgebrochen bin und Sara nicht fassen konnte, dass die Worte, die eben aus meinem Mund kamen, mein Ernst sind. diese eigene Einschätzung, diese Gefühle, diese Wahrnehmung. irgendwie verdreht. nicht richtig. unberechenbar. keiner kann verstehen, wie es sich anfühlt sich selbst zu hassen. nicht mit sich selbst klarzukommen, aus seinem eigenen Körper fliehen zu wollen. dabei geht es nicht mal ums Sterben. man will einfach nur, dass es aufhört. der Schmerz. die Stimme in deinem Kopf. das Monster, das tief in dir drin gegen deine Brust schlägt.

& doch bin ich hier. quäle mich jeden Tag aus dem Bett, springe unter die Dusche, mache mir Frühstück, ziehe mich an & hoffe, dass auch dieser Tag schnell vorbei geht.

so fühlt sich das ganze nämlich für mich an.
diese Depression.

+ + +

ich werde mit Sicherheit noch mehr über Depressionen, Panikattacken & Angstzustände preisgeben, versuchen mehr zu schreiben, zu erklären & zu helfen. für's erste Mal bin ich zugegebenermassen aber schon mit diesem kleinen Textabschnitt überfordert, weil es sehr, sehr viel Überwindung kostet sein Innerstes öffentlich preiszugeben & ich nicht gerne Schwäche zeige. & dennoch tue ich es. weil ich es so möchte. ich will mich nicht mehr schämen müssen, sondern Schritt für Schritt Aufklärungsarbeit leisten und versuchen mehr Gefühle & Situationen für euch, aber auch für mich persönlich in Worte zu fassen. das dort oben ist nämlich erst der Anfang...

& trotzdem gilt - ganz wichtig: ich bin nicht meine Krankheit. ich möchte nicht darüber definiert werden, ich möchte kein Mitleid, ich möchte nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. ich möchte nur, dass man mich versteht. oder es zumindest versucht. & obwohl man denken müsste, dass es befreiend ist diesen Text abzutippen, ist das nur teilweise der Fall. ich triggere mich dadurch selbst. die letzten Tage waren alles andere als einfach & meine Gedanken kreisen ausweglos um die bevorstehende Therapie. denn ja, ich habe Angst davor. verdammt viel sogar.

Buchtipp: Minusgefühle - Jana Seelig. ausserdem hat Lydia vor einigen Monaten noch Tobi Katze's "morgen ist leider auch noch ein Tag" empfohlen, das ich mir ebenfalls zeitnah anschaffen möchte.

Videotipp: die Youtubevideos von Andre Teilzeit. unter anderem wie fange ich eine Therapie an & Sätze, die Menschen mit Depression NICHT hören wollen. & das hier (danke Nora ).

Blogtipp: mal wieder Lydia. sie schreibt viel über ihre Gefühle & geht dabei auch auf ihre Depression ein - es ist immer wieder schön, etwas von ihr zu lesen.

Musiktipp: die Coffeehouse Playlist auf Spotify. wenn ich nervös bin, bringt mich diese perfekte Auswahl an Liedern wieder einigermassen runter.

7 comments

  1. ich finde es so mutig von dir darüber zu schreiben :* ich habe ähnliche probleme wie du und es ist schön, dass du sie nicht totschweigst. alles gute, feli von www.felinipralini.de

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  2. wow . echt richtig mutig von dir .!!
    ehrlich gesagt . dachte ich es mir bei dir schon manchmal vom schreiben her . keine ahnung warum . aber vll merkt man das bei anderen wenn man selbst betroffen ist (du lässt uns ja doch viel teil haben an deinem leben :)
    ich steck derzeit auch in der krise und hänge gerade ein jahr dran um meine bac vll doch noch iwie fertig zu kriegen . weil ich's einfach nicht geschafft habe und jetzt ist da iwie noch mehr druck das ganze fertig und meinen abschluss zu machen :/

    nja . ich find's wirklich echt richtig mutig dass du dein problem so offen und ehrlich in die öffentlichkeit gibst .!!!
    ich geh zwar bei freunden auch offen damit um . aber so ein blog ist ja nochmal eine andere sache . deshalb TOP TOP TOP . hoffe du hilfst vielen da draußen die es sich noch nicht eingestehen oder noch nicht so offen darüber können .!!

    alles alles liebe und noch viel viel glück .
    die sarah

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  3. Ich finde es sehr mutig, dich so öffentlich zu dem Thema zu bekennen! Nachdem mein Vater damals (unerwartet) verstorben ist, bin auch ich in Depressionen verfallen und hatte gute 2 Jahre damit zu kämpfen. Konnte mich für nichts mehr begeistern und wollte mich nur noch in meinem Schneckenhaus verkriechen... Drück dich von hier und wünsche dir all die Kraft, die du brauchst!!!

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  4. Wow Respekt für diesen mutigen Text und Schritt es öffentlich zu machen! Ich habe mal einen Blog von einem Jungen gelesen, der regelmäßig über seine Depression geschrieben hat weil seine Mutter gestorben ist und ihm half darüber zu schreiben. Seine Texte haben mich fast immer zum weinen gebracht weil ich mich ähnlich gefühlt habe. Ich weiß nicht genau ob ich als Jugendliche depressiv war oder es eher eine extrem traurige Phase war aber ich hoffe du findest Hilfe bzw. wirst geheilt, wenn man das überhaupt kann?! Oder kann man nur damit lernen umzugehen? Ich wünsche dir aufjedenfall nur das Beste auf deinem Weg, fühl dich gedrückt <3

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  5. Hast meinen vollen Respekt für diese Aktion hier!
    Ich bin mir sicher, dass du vielen Menschen damit Mut machst und bin wirklich glücklich über so viel Offenheit und Ehrlichkeit!

    Besten Gruß
    Sandy von http://ownblack.net

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  6. Ganz viel Liebe von mir an dich für diesen Post. Mir geht es seit ca. 10 Jahren genauso. Oder so ähnlich. Viele der genannten Situationen sind mir bekannt. Aber ich bin mir sicher, dass wir das schaffen. Eine Therapie ist ein toller und mutiger Schritt. Ich hoffe ich kann mich irgendwann dazu durchringen.

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  7. Wow, ich bin echt sprachlos über deinen Text. Positiv! So wunderbar ehrlich. Ich bin mir sicher, vielen werden deine Posts helfen.

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